Schwachstellen der deutschen Sprache und Schrift

  • Nominalkompositabildung: Ausdrucksmittel inadäquat
  • Bis wohin geht die Gro&sz;schreibung nominalisierter Verbformen?
  • objektorientierte vs subjektorientierte Datensatzdarstellung
  • In der deutschen Sprachkultur wird relativ streng auf "Logik" (d.h. strukturelle Entsprechung von Sinn und Ausdruck) geachtet und das Flexionssystem legt jedem, der dies nicht tut, von vorneherein viele Stolpersteine in den Weg. Bis man in der Programmiersprache Deutsch sein "Hello World" schreiben kann, muss man erst einmal eine Hierarchie von Java-artigen Bibliotheken kennen. Leider wird man aber f&ue;r diese Disziplin nicht mit einer wirklich "logischen" Sprache belohnt. Oft wäre die gesprochene Sprache durchaus gut genug, um dem Sinn wohlgeordnet auszudrücken, aber die Schriftsprache bietet nicht die Mittel, das Gesprochene abzubilden. Hier sind neue Konventionen nötig.

    Nominalkomposita: inadäquate Ausdrucksmittel

    Wörter wie bürgern sich u.a. deshalb schnell ein, weil niemand genau weiß, wie man sie deutsch nachbilden kann. Es gibt dabei u.a. folgende Probleme:
  • Flexionskorsett verhindert Abkapselung
  • Das Deutsche muss Nominalattribute von Nominalappositionen unterscheiden
  • Attributisierungs-Translative nicht schreibbar
  • Wunsch: Emanzipation des Bindestrichs
  • Wunsch: Emanzipation der Syntaxklammer
  • Flexion verhindert Abkapselung In Programmiersprachen ist es wichtig, häfig vorkommende Strukturen nach außen abkapseln zu können. Sie erweitern dann als unteilbare Sprachelemente (tokens) den Wortschatz des Formulierenden. Im Deutschen widersetzen sich gerade diejenigen Mechanismen, die syntaktische Genauigkeit erzwingen, der Abkapselung und verhindern so die Schaffung pr\"agnanter neuer Sprachbausteine. Wie übersetze ich "New Technology Projekt"
    VorschlagEinwand
    neues Technik-Projektkein Token: "neues" muss flektiert werden. Außerdem ist nicht das Projekt sondern die Technik neu.
    Projekt für neue Technikkein Token, zerfällt im Kraftfeld eines präpositionsregierenden Verbes: "Ich bin im Projekt für neue Technik zuständig"
    Neu-Technik-Projektwird vom Deutschlehrer als Fehler angekreuzt
    Aus Verlegenheit wähle ich das Englische Wort. Das gibt keinen Minuspunkt und zeigt, dass ich up to date bin. Die deutsche Sprache (nicht nur die Schrift) macht die Bildung langer Nominalkompositagruppen schwierig. Man neigt dazu, die Attribute in nachgestellte Präpositionalausdrücke umzuwandeln:
    guo2jia1 jiao4wei3state education commissionBundesministerium für Bildung
    guo2jia1 zhong4dian3 xin1 chan3pin3 xiang4mu4state priority new product projectStaatliche Schwerpunktprojekte zur Entwicklung neuer Produkte
    Solche Präpositionalausdrücke sind nicht robust. Geraten sie in den Einflussbereich eines präpositionsregierenden Verbs, so entsteht syntaktische Zweideutigkeit, z.B.
    Ich bin im Bundesministerium für Bildung zuständig.
    Nominalkomposita hingegen sind nicht nur stabiler, sondern auch logischer. Da sich das vorangestellte Definiens zum nachgestellten Definitum meist wie das Ganze zum Teil verhält (z.B. Bund : Ministerium), erreicht man damit meistens das Ideal der objektorientierten Datensatzdarstellung.

    Das Deutsch kennt Nominalattribute und Nominalappositionen

    Das Englische kennt nur Nominalattribute, das Franz&oulm;sische nur Nominalappositionen. Im Deutschen existiert beides nebeneinander.

    Attributisierungstranslative -s, -er, -scher nicht schreibbar

    Für die Attributisierung von Nomina gibt es folgende Translative:
    AnfangsakzentBeethoven-Haus
    -sFastnachts-Gaudi
    -erdie Hongkonger Oberschicht
    -schedas Bismarcksche Weltbild
    Leider funktioniert die einfache Anhägung nur bei bekannten, einteiligen Wörtern. Wird es komplizierter, so scheitert der Mechanismus und man greift zum Englischen. Das ist vielleicht der Hauptgrund dafür, dass wir heute die meisten Institutionen Chinas nur unter englischen Namen kennen (als spräche man in China Englisch!). ji2long2po1 mei3shu4zhan3
    chinesischenglischdummdeutschzukunftsdeutsch?
    Da4lian2 ke1wei3Dalian Science KommissionDalian Wissenschaft KommissionDalian-er Wissenschafts Kommission
    Kuala Lumpur fine arts expositionKuala Lumpur RegierungKuala Lumpur -er Bildende Kunst - Ausstellung
    Mao2 Ze2dong1 si1xiang3Mao Zedong ThoughtMao Zedong DenkenMao Zedong -sches Denken
    Xiao1 Zhi4guo2 xian1sheng1 xin1 xiang4mu4Mr. Xiao Zhiguo's new projectMr. Xiao Zhiguo's neues ProjektHerrn Xiao Zhiguo s neues Projekt
    Guo2jia1 Ji4wei3State Planning CommissionStaatliche Planung s Kommission
    yan2jiu4 kai1fa1 li4xiang4 ping2shen3R & D project evaluation(F & E - Projekt)-Bewertung
    Es ist sehr schwer für den Übersetzer, sich für die im deutschen vorhandenen Suffixe -er und -sches zu entscheiden. Wenn man im deutschen einfach die Wörter aneinanderreiht, entsteht nicht wie im Englischen eine Attributkette, sondern eine Appositionskette, was manchmal Anlass zu
    Spott bieten kann. In jedem Falle wird dadurch die Schrift daran gehindert, ihre sprachabbildende Funktion zu erfüllen und die Informationsaufnahme durch den Leser wird ineffizient, stockend oder konfus. Man möchte dann zum Schluss lieber gleich englische Texte lesen.

    Emanzipation des Translatifs Anfangsakzent/Bindestrich

    Wie übersetze ich "Shanghai Volkswagen Automobile Company"?
  • Es hilft sicher, wenn man den Bindestrich, der für den Attributisierungs-Tranlativ Anfangsakzent (s.o.) steht, vom einzelnen Wort loslöst und seinen Gebrauch zwischen Wortgruppen zulässt.

    Fehlende Syntaxklammern

    Eine konsequente Lösung für unüberschaubar gewordene Wortgruppen bietet nur der Gebrauch von Syntaxklammern: Ich bin in der { Staatlichen { Kommission für wirtschaftliche Zusammenarbeit } } zuständig.

    Ich bin im { Staatlichen Kommission } { für wirtschaftliche Zusammenarbeit } zuständig. Leider neigt der allzu konkret denkende Mensch dazu, jeder Art von Klammer sofort eine über die reine Syntaxfunktion hinausgehende Bedeutung beizumessen, so z.B. "dies ist ein zusätzlicher Kommentar". Wir brächten eine Art der Klammer, die über die im Klammerpaar inhärente Bedeutung hinaus keinerlei Bedeutung hat und haben darf. Besonders in Patentschriften und juristischen Texte könnte die Einführung eines rein syntaktischen Klammerpaares für lesbarere Texte sorgen und kostspieligen Mehrdeutigkeiten vorbeugen.

    Bis wohin geht die Großschreibung nominalisierter Verbformen?

    Nominalisierte Partizipien werden groß geschrieben. Was ist aber, wenn das nominalisierte Verb durch Adverbien erweitert wird, die dann folglich mit zum Kern der Nominalgruppe gehören, also nicht mehr Attribute sind:
    Das Oben Geschriebene ist ausnahmslos wahr.
    
    Das leidige Oben Geschriebene ist ausnahmslos wahr.
    

    Objektorientierte vs Subjektorientierte Datensatzdarstellung

    Die Normen für die sprachliche Darstellung von Datensätzen wie Adresse, Zeitpunkt u.ä. sollten allmählich auf die logischere, von Außen nach Innen, vom Ganzen zum Teil voranschreitende (objektorientierte statt subjektorientierte, Big Endian statt Little Endian) Darstellungsweise umgestellt werden.

  • Automobilgesellschaft Volkswagen ShanghaiProblem mit Apposition nach guter deutscher Grammatik gelöst. Nachteil: subjektorientierte Darstellung, Abweichung vom Originalnamen
    Shanghai Volkswagen Automobil GesellschaftDummdeutsch
    Shanghai-Volkswagen-Automobil-Gesellschaftnicht-existentes Akzentuierungs-Tranlativ vorgespiegelt
    Shanghaier Volkswagen-Automobilgesellschaftein Schritt in Richtung gute Grammatik, Akzentuierungstranslativ noch immer falsch wiedergegeben
    Shanghaier Automobilgesellschaft Volkswagenkorrekt, Appositionsproblematik wie oben.
    "Shanghai Volkswagen" - Automobil-GesellschaftShanghai Volkswagen wird zum grammatisch ungebundenen Namen. Im Raum stehender Bindestrich wird vom Deutschlehrer als Fehler angekreuzt.
    subjektorientiertobjektorientiert
    Datum24.12.19961996.12.24
    AdresseWerner Meier, SMP GmbH, Exportabteilung, Fraunhoferstr. 9, 85737 Ismaning85737 Fraunhoferstr. 9/SMP GmbH/Exportabteilung/Meier Werner

    Nur objektorientierte Ausdrücke lassen sich sinnvoll manipulieren (z.B. sortieren, indizieren, abkürzen). Durch Verbreitung der subjektorientierten Darstellungsweise entsteht volkswirtschaftlich betrachtet ein beträchtlicher Mehraufwand.

    In Ostasien ist dank der von den chinesischen Schriftzeichen auferlegten Sprachdisziplin nur die objektorientierte Darstellungsweise in Gebrauch. In Europa ist durch das Latein und die romanischen Sprachen (insb. Französisch) die subjektorientierte Darstellungsweise in Gebrauch gekommen. Diese Sprachen bilden Nominalkomposita von innen nach außen (vgl: pater noster vs unser Vater, chemin d'fer vs Eisenbahn). Da die germanischen Sprachen ebenso wie die ostasiatischen von außen nach innen vorgehen, entspricht die objektorientierte Darstellung eigentlich ihrer Ausdrucksweise. und setzt sich besonders im Englischen zunehmend gegen die überkommenen lateinisch-französischen Einflüsse durch: "NBC's John Smith" statt "John Smith of NBC", "China's Guangdong Province's Zhanjiang city" statt "Zhanjiang city, Guangdong Province, China", "1996 December 24th" statt "24th December 1996". Auch im Deutschen sollte die objektorientierte Nominalkomposita-Bildung wo es irgend geht ermöglicht und ermutigt werden. Die Rechtschreibnormen sollten entsprechende Mittel zur Verfügung stellen, auch wenn diese im Moment noch selten gebraucht werden.


    http://www.lrz.de/~phm/ortogref.html
    1996-12-15 © Hartmut Pilch (mail/pgp/www)